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  • Roman Schnellbach

Zweiter Teil

Mittwoch 10.06.20

Habe fast zwei Stunden geschlafen, Abend gegessen.

Die letzen Tage waren sehr emotional. Meine Frau war mit mir hier, wir hatten so viel Neues, und auch Altes miteinander zu besprechen, zu erzählen, in neuem Licht zu sehen. Auch für uns, selbst wenn wir immer unsere große Liebe gespürt habe, die alles tragen konnte, ist der Prozess, mit unserem Unfall und den daraus resultierenden Konsequenzen umzugehen, nicht zu Ende. Und ich denke, das wird er auch nie sein. Dieses miteinander Fühlen und Justieren ist ein LEBENdiger Prozess, der immer Raum haben soll.


Die Kombination aus den psychischen Prozessen und den körperlichen ist für mich deutlich spürbar. Es ist, auf eine ungewohnte Art, sehr anstrengend. Das körperliche ist die eine Sache - und selbst bei den körperlichen Übungen und Veränderungen ist das körperliche nur ein Teil, denn so Vieles ist notwendig, um aus alten Mustern, die ich in 25 Jahren mir angewöhnt habe, wieder aussteigen zu können. Der Kopf versteht zwar grundsätzlich schnell, dass es so oder so richtig wäre, diese Muskeln zu bewegen. Aber die Gewohnheit, das Muster, die Angst sagt unüberhörbar: „wenn Du das machst, dann fällst Du.“ Das mal als Beispiel. Und neben diesem Gerangel zwischen Kopf und Körper, die physischen Bewegungen betreffend, kommen nun auch noch die psychischen Prozesse der Aufarbeitung meiner inneren Verletzungen dazu. Und dazu dann die Neujustierung von vielen feinen Facetten in meiner Beziehung zu meiner Frau und vice versa.


Und Keines, geht ohne das andere - es ist alles ineinander verwoben, vielgestaltig und ineinander mündend - wunderschön, wenn man die Offenheit hat, hinzusehen, es zuzulassen, dass Schmerz und Trauer wieder nach oben kommen, dass Wut und Ärger auch Platz haben dürfen… und dennoch das Verbindende nicht aus den Augen zu verlieren. Dass ich gemeinsam mit meiner Frau, gemeinsam mit meinen Kindern, gemeinsam mit meinen Familien, meinen Freunden, nach Vorne schaue, nach Vorne gehe.


Vielleicht hatte ich dieses Zitat schon einmal erwähnt, was für mich schon so lange, länger als der Unfall, immer wichtig war:


„Ich weiß dir Dank dafür, daß du mich so hinnimmst, wie ich bin. Was habe ich mit einem Freund zu tun, der mich wertet? Wenn ich einen Hinkenden zu Tisch lade, bitte ich ihn, sich zu setzen, und verlange von ihm nicht, daß er tanze.“


Antoine de Saint-Exupéry



Für mich wandelt sich der Inhalt dieser Sätze gerade ein wenig. Die erste Ebene ist für mich hier, dass das Gegenüber des Lahmen, der nicht gut gehen kann, ihn auf seiner Ebene wahrnimmt, sich zu ihm setzt und nicht mit ihm tanzen möchte. Das ist die Empathie, mit der er seinem Gegenüber zeigt, "ich nehme Dich so wahr, wie Du bist, und werte Dich nicht."


Die zweite Ebene, die sich für mich nun dazu noch zeigt, da ich hier innerlich und äußerlich begonnen habe, über meine Grenzen hinaus zu fühlen, zu denken und zu handeln, ist, dass ich nun aber als der Lahme, wieder daran denke und es aktiv gestalten möchte, wieder aufzustehen. Und nun ändert sich dadurch auch die Postion des Freundes. Aufgrund von meiner Intention, meiner Absicht. Denn ich möchte aufstehen. Ich möchte nun seine Hand, die mich darin unterstützt. In welcher Form dieses Aufstehen sich auch zeigen mag. Und wenn der Freund mir nun so viel Sicherheit und Stabilität bietet, und mich sogar zum Tanz bittet… kann ich ihm jetzt die Hand reichen, in dem Vertrauen, dass er mich halten wird.


Was meint Ihr dazu?


Ich dachte ja, dass ich noch ein paar Worte zu den heutigen Erfolgen und Misserfolgen schreiben würde - aber gerade finde ich die obigen Gedanken wichtiger…





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