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  • Roman Schnellbach

Wer hat schon ein Bein mit Bluetooth?

Donnerstag 04.06.20

Wieder so ein Tag, an dem ich Geburtstag feiern könnte. Diese Zwischenlösung, denn es ist erstmal eine Interimslösung, ist einfach der Hammer.

Dass das möglich ist. Dass es so etwas gibt! Das ist fast wie im Märchen.

Ich hatte es ja schon in vorigen Beiträgen ein wenig erzählt und will hier die Vorgeschichte gar nicht mehr wiederholen. Was ich aber noch einmal sagen möchte ist, dass es für mich ein unbezahlbares Geschenk ist, dass das Zentrum der Rehabilitation und die Firma Technische Orthopädie Seifert seit Jahren zusammenarbeiten. Dass darüberhinaus Markus (Orthopädiemechanikermeister), der bei Seifert für mich der Dreh und Angelpunkt ist, Matthias gut kennt und als Freund bezeichnet, welcher wiederum in Traunstein bei der Firma Pohlig Orthopädie, meine bisherigen Prothesen gebaut und betreut hat. Wo gibt es denn bitte so etwas? Zufall? Nein. Das sollte einfach so ineinander passen, oder? Und Daniela (Chefin Rehazentrum) hat so viel mit Firma Seifert darüber telefoniert, mit welcher Lösung mir am besten, in dieser Phase, in der sich bei mir ja jeden Tag etwas ändert, geholfen wäre. Und das ist nicht eine Lösung, die man einfach aus dem Regal holt, nein. Das ist nur mit viel Fachwissen, technisch wie anatomisch, dazu noch neurologisch und genauso viel Kreativität machbar. Ein Traum, dass ich hier wirklich am bestmöglichen Platz auf dieser Welt, für diesen Zeitabschnitt, gelandet bin. Ich bin mega dankbar dafür. Einfach toll.


Nach dem Vormittag, mit so viel technischen Finessen, so viel Input, neuen Erfahrungen, neuen „Standpunkten“ und endlich wieder beidseitigem Bodenkontakt, bin ich heute nach dem Essen durch den Regen nachhause gerollt und habe mich erst mal für gut zwei Stunden ins Bett verfrachtet. Nachdenken, runterkommen und all die Dinge wirken lassen.


Und jetzt steht mein rechtes Bein, nein, die Prothese, hier an dem kleinen Tischchen angelehnt und hat das Ladekabel dran, und wird mittels Induktion wieder geladen. Und blinkt regelmäßig vor sich hin.


Leute, diese Technik, dass das heute möglich ist. Auf den ersten Blick unfassbar, was die Firma Otto Bock, da entwickelt und möglich macht. Und auf der anderen Seite sind es „nur“ Prozesse, die Eure Beine jeden Tag ganz automatisch machen, die die gewieften Techniker elektronisch nachgebaut haben (https://www.ottobock.de/prothesen/beinprothesen/kniegelenke/kenevo/)


Ich versuche mich kurz zu fassen: Es lässt sich in drei verschiedenen Modi programmieren und darin jeweils, auf die jeweiligen Anforderungen des Nutzers, feinjustieren.


In meinem Fall haben wir nun ein Programm, das das Kniegelenk automatisch fixiert, wenn das Bein in die komplette Streckung kommt. Damit kann ich bombenfest darauf stehen und brauche absolut keine Sorge haben, dass mein Knie nachgeben würde. Erst wenn ich aus dem Stand meine Hüfte nach hinten bewege, erkennt das Gelenk, aufgrund von Sensonren, die 200 mal in der Sekunde meine Position messen, dass ich mich setzten möchte und löst das gesperrte Kniegelenk. Beim Aufstehen passiert etwas anderes. Wenn ich auf dem Weg nach oben, nicht in einem Schwung hoch komme, lässt mich das Gelenk nicht einfach nach unten plumpsen, sondern bremst diese Bewegung nach unten wieder, weil es erkennt, dass ich auf dem Weg in die Aufrichtung bin. Erst, wenn ich lange genug, das Gewicht nach unten halte, löst es sich wieder und lässt mich doch wieder hinsetzen. Dass muss man alles erst mal auch in den Kopf bekommen. Und beim gehen ist es dann auch so. Bei Verlagerung des Gewichts vor die Körpermitte, weil die Hüfte nach vorne bewegt wird um den Schritt zu machen, entsperrt sich das Gelenk wieder.


Es gibt noch weitere Einstellungen, die aber ein aktiveres Gehen voraussetzen. Treppen steigen zum Beispiel, was für mich nun doch eine Nummer zu früh wäre.

Sowohl Daniela als auch Markus hatten, wie sie heute zugaben, etwas Zweifel, ob diese technische Ausführung für mich wirklich funktionieren würde. Denn sie hatten etwas Sorge, ob das Gewicht der Prothese (3.8 kg) für mich zu schwer sein könnte um das Bein nach vorne zu bringen.

Ich hatte ja so überhaupt NULL KOMMA NULL Zweifel an irgendetwas. Und Leute knapp 4 kg? Ist das ein Problem? Nein, ist es nicht. Ich habe die ganze Zeit gestrahlt, wie ein Honigkuchenpferd. Ich wusste, dass das funktionieren würde.


Zum Testen war dann notwendig, dass ich vor einem Haufen Zuschauern (Physiotherapeuten, Praktikanten), die so ein Gelenk auch noch nie vorher gesehen hatten, die Erprobungsphase nur in T-Shirt und Unterhose ausführen durfte. Denn es muss hier noch was geschraubt werden und dazu muss man genau sehen, was das Bein macht.


Die Zeit verflog nur so. Gelaufen mit Rollator sind wir auch - hier ist für mich neu, dass ich mit dem vollen Gewicht auf dem rechten Bein stehen muss. Damit die Kniebeugung für einen Schritt überhaupt erst möglich wird. Doch, mit zu wenig Gewicht auf dem rechten Bein geht ein Schritt schon auch - nur ziehe ich das komplette Bein, ohne Kniebeugung nach vorne. Aber das Ziel ist ja der natürliche Bewegungsablauf. Und da ich die letzen beiden Wochen immer nur auf dem linken Bein gestanden bin, heißt das auch wieder Umdenken.

Dann wurde ich in den Lokomat eingespannt - eine weiere Prämiere im Haus. Ein elektronisches Kniegelenk ist ja für den realen Bodenkontakt, mit vollem Gewicht auf dem Boden vorgesehen. Der Lokomat, als Gerät zum robotergestützten Gangtraining, ist aber so ausgelegt, dass zuerst einmal sehr viel Gewicht des Nutzers reduziert werden kann, um eine Rückkehr in ein selbstständiges Laufen leicht zu ermöglichen. Es war eine total knifflige Aufgabe, die Parameter des Lokomat so einzustellen, mich so zu positionieren, dass weder mein elektronisches Kniegelenk die Beugung verweigert, noch dass der Lokomat dauernd einen Notstop einlegt, weil ihm das gesperrte Kniegelenk, welches sich erst ab einer bestimmten Schwerpunktverlagerung löst, nicht in den Kram passte. Aber schließlich lief ich gerade und gleichmäßig und ich habe mit dem rechen Bein, dem Prothesenfuß, einen Ball Amina aus der Hand gekickt.


Und dann waren zweieinhalb Stunden vergangen, Markus fuhr wieder nach Bad Krozingen, ich trainierte mit Amina, Jule und Dino noch für eine knappe Stunde. Das aufrechte Stehen muss für mich auch neu im Kopf justiert werden - mein Gleichgewicht gefunden werden - Selbstkontrolle mit dem Spiegel. Und so viele alte Muster, mit denen ich mich in der Vergangenheit beholfen hatte, müssen überschrieben werden. Ist noch ein langer Weg.


Morgen wäre der letzte Therapietag, die sechs Wochen sind schon vorbei. Dennoch werde ich länger bleiben und diese Details morgen klären - denn jetzt so abbrechen und nachhause fahren, wäre kompletter Quatsch. Ich muss mindestens drei Wochen täglich intensiv mit dem Bein trainieren und üben, damit ich es schaffe allein mit der Prothese stehen zu können. Ich glaube daran - schon seit 25 Jahren. Und mit dieser Überzeugung verblüffe ich immer wieder Menschen - aber ich zweifle seit fast 26 Jahren nicht daran, dass ich wieder aufstehen und laufen werde - also werde ich das jetzt auch tun. Ohne einen Hauch von Zweifel.

Es ist sehr viel Neues - Technik - Bewegungsabläufe - Gewichtspositionierung - Gleichgewichtsgefühl und noch eine ganze Menge mehr.


Und wann ich dann für eine weitere Zeit von sechs Wochen noch einmal hierher kommen kann, das muss ich auch schon mal planen. Denn klar ist, fertig, bin ich noch lange nicht.




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